LGBTQI+

„Gib deinen Eltern Zeit, sie wurden halt anders sozialisiert.“

Als ich anderen Menschen von meinem Coming Out erzählte, bekam ich diesen Satz ziemlich oft zu hören. Er ist gut gemeint. Dennoch fand ich ihn nicht sehr hilfreich. Was ich mir stattdessen gewünscht hätte.

Ich wollte, dass meine Wut und Enttäuschung anerkannt werden. (Wir haben zu Hause gerade eine Mandala-Phase. ) Zeichnung: Kissy Elliott

Ich war 30, als ich meinen Eltern von meiner Freundin erzählte. Das Gespräch lief… so mittelmäßig. Einerseits beteuerten sie, dass sie mich weiterhin lieben werden. Andererseits fielen sehr viele Aussagen (vor allem gegenüber meiner Freundin), die ganz schön… puhh waren. In den Tagen darauf versuchte ich es zu verarbeiten. Ich sprach mit anderen darüber, schaute Videos, las Artikel und hörte Podcasts über Coming Outs und den Umgang mit der Reaktion. Viele waren ermutigend. Bei manchen Beiträgen und Gesprächen fielen jedoch auch Sätze wie: Gib deinen Eltern Zeit, sie wurden halt anders sozialisiert.

Diese oder ähnliche Aussagen klingen vernünftig und sind meistens gut gemeint. Aber ganz ehrlich: In dem Moment helfen sie nicht – zumindest nicht bei mir. Denn natürlich werde ich meinen Eltern Zeit geben. Was sollte ich auch sonst machen? Ich habe auch nicht erwartet, dass sie gleich ihr Gay-Hütchen aufsetzen und die Regenbogenfahne herausholen. Aber eine respektvolle Reaktion.

Wenn ihr also Bekannte habt, die euch erzählen, wie blöd die Verwandschaft auf ihr Coming Out reagieren, wäre mein Tipp: Streicht den Satz weg. Anerkennt ihre Enttäuschung gegenüber den Eltern/Großeltern.

Sagt stattdessen vielleicht: „Das war scheiße von deinen Eltern. Du hast allen Grund, wütend und verletzt zu sein. Du musst auch kein Verständnis für sie aufbringen, wenn du es gerade nicht kannst oder willst.“ 

Denn es gibt Menschen, die älter sind, in konservativeren Verhältnissen aufwuchsen und trotzdem wertschätzend sein können. Menschen, die vielleicht noch Vorurteile haben, aber trotzdem respektvoll reagieren. Sich solidarisch zeigen. Es geht schließlich um das eigene Kind. Sozialisation rechtfertigt nicht alles.

Ja, die Eltern und Großeltern brauchen Zeit. Aber wer vor allem Zeit braucht ist die Person, die gerade ein Coming Out hatte. Zeit für ihre berechtigte Wut und Enttäuschung. Nach einem Jahr, nach drei oder fünf Jahren, wenn sie soweit ist und die Kraft dazu aufbringen will, dann kann sie sich mit den Befindlichkeiten der Verwandtschaft auseinandersetzen. 

Was mir damals viel geholfen hat, waren Videos von wertschätzenden Reaktionen von Eltern und Großeltern. (Am liebsten hätte ich sie meinen Eltern in ihr Facebook-Feed geworfen und geschrien: „Guck, so macht man das!“) 

Hier eine kleine Auswahl:

Telling my grandmother I identify as queer (The Skin Deep)

„Anyone you ever bring home to my house, I will welcome with open arms. Because people are people and you are Hollis. And nothing can ever change that. And if Hollis loves any person, that person will be loved by me as well.“ (3:30′). This! <3 You nailed it grandma.

Coming Out to Immigrant Parents (As/Is)

Love, Simon

Ja, Teenager Hollywood-Traumwelt lässt grüßen. Aber trotzdem wohltuend.

„You get to exhale now Simon. You get to be more you than you have been in a very long time.“ (1:55′)

Es gibt natürlich auch Videos von vietnamesischen Coming Outs. Diese möchte ich in einem späteren Beitrag etwas mehr einordnen. 

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