Migration und Identität

Vietnamesisch und Ich

Vietnamesisch ist meine Muttersprache. Warum ich sie früher in der Bahn nicht gerne benutzte, wie ich dennoch zu ihr fand. Was ich an ihr liebe – und problematisch finde. Und ein paar Zeilen über die Frage, wie Sprache, Denken und Kultur sich gegenseitig beeinflussen.

Als Kind in Dresden fürchtete ich den Vietnamesisch-Unterricht meiner Mutter. Heute bin ich ihr dankbar. Foto: TAN.

Jeder Mensch mit migrantischen Wurzeln hat seine eigene Strategie mit der berüchtigten Frage „Woher kommst du?“. Meine Antwort variiert je nach meiner persönlichen Verfassung, nach der Art, wie gefragt wurde und wie ich die Person einschätze. Sie variiert also von „Berlin“, „Hanoi“, „Es ist kompliziert.“ bis zu „Geboren in Hanoi, mit 4 nach Dresden. Mit 9 wieder zurück nach Vietnam. Mit 14 dann nach Berlin.“ Die letzte Version überfordert die meisten. Bei denen, die dennoch weiterfragen, entsteht manchmal ein schönes Gespräch über Bilingualität und wie das so ist, zur Migrant*innengeneration 1.5 zu gehören. (Manchmal ist das auch meine Art herauszufinden, inwiefern sich die Person wirklich für meine Geschichte interessiert, oder einfach nur „Vietnam“ hören wollte). 

Es ist also kompliziert. Es ist ja nicht nur das Hin und Her zwischen zwei Orten. Es ist auch das Hin und Her zwischen zwei politischen und gesellschaftlichen Systemen, zwischen verschiedenen Mentalitäten und Kulturen. Wie all das mich geprägt hat, versuche ich noch immer Stück für Stück herauszufinden. Worüber ich mir in letzter Zeit viele Gedanken gemacht habe, ist meine Beziehung zu den Sprachen: Welche Erfahrungen, Gefühle und Vorstellungen verbinde ich mit Vietnamesisch, mit Deutsch? In welcher Sprache denke ich, fluche ich, streite ich, träume ich? 

Die ersten Wörter und Laute dieser Welt hörte ich auf Vietnamesisch. Mein Vater besitzt noch heute Kassettenaufnahmen, wie ich als Dreijährige vietnamesische Schnulzen trällerte, die ich von den Erwachsenen hörte. Wir lebten damals zusammen mit meinen Großeltern, Onkel und Tanten und deren Familien in einem Haus in Hanoi. In den ersten vier Jahren meines Lebens umgab mich Vietnamesisch wie eine Selbstverständlichkeit, wie Luft. Erst als ich mit meinen Eltern nach Deutschland zog, verstand ich, dass Vietnamesisch nur eine von vielen Sprachen war. In Dresden in den 90er Jahren war sie sogar weniger als das. Sie gehörte zu den Sprachen, die man nicht gut fand, wenn Migrant*innen und deren Kinder sie hier benutzten. Sie gehörte zu den Sprachen, über die Politiker*innen diskutierten, ob sie zu Hause und in den Schulhöfen gesprochen werden sollten oder lieber nicht. Ob sie der Entwicklung und der Integration eines Kindes schadeten. 

Zwei- oder Mehrsprachigkeit bei Kindern gilt allgemein als Pluspunkt1. Zahlreiche Studien deuten darauf hin, dass sie die Gedächtnisleistung, die Konzentrations- und Reflexionsfähigkeit der Kinder begünstigt. Doch „Bilingual ist nicht gleich bilingual.“, schreibt Kübra Gümüşay in ihrem Buch „Sprache und Sein.“ „Wenn Sie an Bilingualität denken, welche Sprachen fallen Ihnen ein? Deutsch und Französisch? Deutsch und Englisch? Deutsch und Chinesisch? Sprachen, die sich gut machen im Lebenslauf, in der Wirtschaftswelt, im Arbeitsleben, Sprachen mit Prestige.“ Was ist aber mit Türkisch? Mit Rumänisch, Vietnamesisch, Swahili? Heinemann und Dirim beschreiben diese als „delegitimierte Sprachen“: „Delegitimierte Sprachen sind (…) solche, die nicht wie das Französische, Englische und teilweise auch Spanische einen Ausdruck der staunenden Bewunderung für die Sprachkompetenz der Sprecher_innen bei den Zuhörenden hervorrufen, sondern eher als fremd und störend wahrgenommen werden, wenn sie im öffentlichen Raum gesprochen werden.“ 

Vielleicht mochte ich deswegen den wöchentlichen Vietnamesisch-Unterricht meiner Mutter nicht. Mit Sechs verstand ich nicht, warum ich jedes Wochenende eine Stunde meiner Freizeit opfern musste, um Diktate zu schreiben und Texte zu lesen – in einer Sprache, die mir hier nichts brachte, die von niemandem außer meinen Eltern genutzt und gewürdigt wird. (Umso dankbarer bin ich ihr heute, dass sie es damals knallhart durchgezogen hat.) 

Als Kind und Jugendliche fühlte ich oft Unbehagen, wenn ich in der Bahn vietnamesisch sprach. Ich hatte das Gefühl, dass einige sich daran störten und achtete daher sehr genau, wie Leute auf uns reagierten. Laut Heinemann und Dirim neigen Menschen zu denken: „Die sprechen bestimmt (schlecht) über mich“, wenn sie andere in einer delegitimierten Sprache reden hören, die sie nicht verstehen. Aus Unsicherheit und Irritation folgen Appelle, die Anwesenden sollten Deutsch sprechen, weil es unhöflich sei, wenn nicht alle das Gesprochene verstehen. In einzelnen Fällen werden sogar Sprachverbote verhängt – oft in Zusammenhang mit der Debatte um Integration. Die Autor*innen führen als Beispiel das Sprechverbot für andere Sprachen an der Vienna Business School in Wien an. (Auch in Deutschland gab es eine Debatte um die Deutschpflicht auf dem Schulhof.)

Durch besondere Umstände habe ich dennoch Vietnamesisch lieben und schätzen gelernt. Als ich neun wurde, kehrten wir zurück nach Hanoi. Bei der Aufnahme in die Schule urteilte die Lehrerin, mein Sprachniveau entspreche das einer Sechsjährigen (Zum Glück hatte meine Mutter genug Nivea Cremes und Fa Shampoos dabei. Das stimmte meine Lehrerin doch etwas gnädig). Fünf Jahre Schule und Leben verwandelte mein Vietnamesisch allmählich in eins, mit dem ich träumte, dachte, las, Tagebuch schrieb und sogar zu einem Schreibwettbewerb durfte. 

Wieder in Deutschland entdeckte ich als Jugendliche eine vietnamesische Schreib- und Fanfiction-Community. In Online-Foren und auf Yahoo-Messenger lernte ich junge Menschen kennen, die Vietnamesisch liebten, mit der Sprache spielten und mit ihr Geschichten erschufen. Dank der Community behielt ich nicht nur mein Vietnamesisch für den Alltagsgebrauch. Ich lernte sogar, Vietnamesisch als schreibende Sprache zu lieben und zu nutzen. (Heute steht in meinem Lebenslauf unter der Rubrik „Hobbys und Interessen“ manchmal „Anime, Manga und Fanfiction schreiben“. Ich frage mich, wie die Personaler das wohl auffassen. Vielleicht, dass ich ein bisschen nerdy bin. Dabei ist es so viel mehr.)

Vietnamesisch – ein kleiner Exkurs:
Das, was wir heute Vietnamesisch nennen, ist nur eine von vielen in Vietnam gesprochenen Sprachen. Vietnamesisch ist die Amtssprache und die der größten ethnischen Gruppe Kinh.
Vietnamesisch hat ihren Ursprung in der Mon-Khmer-Sprache – nicht im Chinesischen (wie ich früher dachte). Die über 1000 Jahre andauernde territoriale und politische Einmischung Chinas beeinflusste das Vietnamesisch jedoch maßgeblich. Heutzutage sind über 60 Prozent der vietnamesischen Wörter chinesische Entlehnungen. Während der Kolonialisierung wurden zusätzlich französische Wörter in das Vietnamesische übertragen („ban công“ aus „balcon“, „súp lơ“ aus „choufleur“) und eine auf dem lateinischen Alphabet basierende Schriftform eingeführt.
Diese Schrift – heute Quốc Ngữ (Nationalschrift) genannt – wurde im 20. Jahrhundert wieder entdeckt. Da sie viel leichter zu lernen war als die bis dahin verwendete Nho- und Nôm-Schrift (ähnlich der chinesischen Schriftsprache), nutzten und verbreiteten die Vietnames*innen sie bewusst, um Analphabetismus zu bekämpfen. Sie diente auch als Werkzeug für politische Aufklärung und für den Kampf gegen die Kolonialherrschaft. „Die Schrift trug auf diese Weise zur Konstruktion des vietnamesischen Nationalbewusstseins erheblich bei“, schreibt Tue Trinh. „Dies ist ein bisschen ironisch, denn die Schrift haben ausländische Missionare erfunden, deren Absicht – zumindest teilweise – es war, Vietnamesen zum Christentum zu bekehren und ihr Land der Herrschaft des Vatikans zu unterwerfen oder desjenigen europäischen Landes, für das sie arbeiteten.“ 

Vietnamesisch ist eine melodische Sprache mit verschiedenen Tonalitäten. Sie ist eine sehr bildstarke und poetische Sprache. Vor allem die Adjektive haben es in sich. Zum Beispiel gibt es für das Adjektiv „weitläufig/grenzenlos“ verschiedene Wörter – „mênh mông“, „bát ngát“, „bao la“ – je nachdem, ob man den Himmel, das Reisfeld oder die Liebe beschreiben will. 

Die vietnamesische Sprache ist aber auch sehr hierarchisch. Es gibt zwar neutrale Bezeichnungen für „ich“ („tôi“) und „du“ („bạn“, bedeutet auch „Freund“). Doch in den meisten Fällen benutzt man Pronomen, die aufzeigen, in welchem Verhältnis man zur anderen Person steht. Je nachdem, ob die Person jünger oder älter ist, ob die Person zur Generation der Eltern oder Großeltern gehört, werden andere Pronomen für „ich“ und „du“ benutzt. Auch für das Wort „ja“ gibt es verschiedene Versionen – ein älterer Mensch sagt meistens „ừ“ zum Jüngeren, während dieser „vâng“ benutzen muss. Kinder sollen generell zu älteren Menschen bei jedem Satz ein „ạ“ ans Satzende hängen. Ich frage mich: Wie gelingt eine Diskussion, ein Austausch oder eine Verhandlung auf Augenhöhe, wenn schon die Pronomen oder Zusatzwörter von vornherein bestimmen, in welcher Rangordnung man zum Gegenüber ist?  

Wie Sprache, Denken und Kultur zusammenhängen, ist eine spannende Frage, die Linguist*innen schon lange beschäftigt. Nehmen wir die Welt in einer anderen Sprache auch anders wahr? Entwickeln wir andere Persönlichkeiten oder Sichtweisen, wenn wir mit mehreren Sprachen aufwachsen? 

Ein bekanntes Beispiel ist die Sprache Kuuk Thaayorre, gesprochen von den Aborigines, die in Nordaustralien leben. Die Thaayorre benutzen im Alltag kein „links, rechts, vorne, hinten“, sondern die festen Himmelsrichtungen. Dort sagen sie, der Löffel ist südöstlich vom Teller. Oder die Katze steht südlich von seinem östlichen Fuß. Dort hat bereits ein fünfjähriges Kind ein exzellentes Gespür für Himmelsrichtungen, eine Art innerer Kompass. Wie prägt wohl das geographische Raumdenken der Thaayorre ihre Sicht auf die Welt? Wie hat eigentlich unser egozentrisches Raumdenken uns geprägt? Dieses und weitere Beispiele, wie Sprache und Denken sich beeinflussen, erzählt die Linguistin Lera Boroditsky in ihrem Ted Talk: 

Ich habe noch keine Studie gefunden, die Vietnamesisch unter die Lupe nimmt. Meine persönliche Erfahrung ist: Wenn ich Vietnamesisch spreche, habe ich das Gefühl, dass mein Ich mehr zurücktritt. Stattdessen rede und agiere ich mehr nach einer Rolle – als Tochter/Nichte/Enkelin, Frau oder Mutter – mit all den vorgeschriebenen Regeln und Normen. Als Tochter soll ich nicht widersprechen und die höflich-hierarchischen Sprachcodes anwenden. Als Frau soll ich sanft und charmant reden. Als Mutter… Bei Eltern heutzutage mag es anders sein. In meiner Kindheit fand ich, dass viele vietnamesische Eltern eine eher strenge bis ruppige Art hatten, mit ihren Kindern zu reden. Es gab viele absolute Befehle und Anweisungen („Du musst das aufessen.“ oder „Geh jetzt schlafen.“), manchmal gepaart mit kaum ernst gemeinten, trotzdem harschen Drohungen („…sonst bekommst du eine Tracht Prügel“) und kaum Nachfragen („Willst du das essen?“, „Was hältst du davon?“)2.

Ist das mitunter auch der Grund, warum ich zögere, mit meinem Kind vietnamesisch zu sprechen? Weil ich diese Rollenbilder nicht mehr an mir sehen und weitergeben möchte? Im Buch „Bilingual: Life and Reality“ nannte der Psycholinguist Grosjean Voraussetzungen für eine richtige bilinguale Erziehung. Neben dem Bedürfnis (Hat das Kind wirklich einen Grund, Vietnamesisch zu sprechen, um zum Beispiel die Eltern oder Freunde zu verstehen?) und dem Umfang (Bekommt das Kind genug Input?) ist die Einstellung der Eltern zur Sprache ebenfalls wichtig. Vielleicht hindert meine Ambivalenz zur vietnamesischen Sprache, zumindest die, die eng verknüpft ist mit den konservativen Rollenbildern, dieses Vorhaben?

Vielleicht muss ich mich an das Vietnamesisch erinnern, das mir Welten eröffnet hat. Das Vietnamesisch, das ich als schön und poetisch empfand. Das mir ermöglichte, inspirierende Menschen kennen zu lernen. Das mir erlaubt, Ideen und Gedanken zu lesen, Kunst und Kultur zu bestaunen außerhalb der westlichen Welt. Vielleicht muss ich für mich ein Vietnamesisch finden, mit dem ich mein Kind nach seinen Wünschen, Bedürfnissen und Meinung fragen kann. Ein Vietnamesisch, mit dem ich nicht nur denken, sondern auch laut reden, streiten und fluchen kann. 

Denn was über all diese Ambivalenz hinweg stets gleich geblieben ist, ist mein Gefühl für Vietnamesisch: das Gefühl der Vertrautheit, des „nach Hause kommen“, wenn ich Vietnamesisch höre, egal wo und wann. 

1 Die Forschung zur Zweisprachigkeit bzw. Mehrsprachigkeit ist sehr spannend. Aufgrund des positiven Tenors entstand zwischenzeitlich regelrecht ein Hype um eine bilinguale Spracherziehung (allerdings in den populären Sprachen wie Englisch, Französisch, Spanisch, Mandarin.) Hier ist wichtig anzumerken, dass die Forschung sich mittlerweile von der Euphorie weitgehend verabschiedet hat. „Bilingualism used to have an undeservedly bad reputation; then it got an undeservedly exalted one“, fasst Keith Gessen zusammen. „It’s possible there is no bilingual advantage, aside from the indisputable advantage of knowing another language.“ Zum Beispiel haben Forscher*innen der University of Edinburgh sämtliche Fachbeiträge zur Zweisprachigkeit untersucht und einen „Publikationsbias“ festgestellt: Arbeiten, die einen Vorteil der Zweisprachigkeit bescheinigen, werden deutlich häufiger publiziert. Negative Ergebnisse verschwinden eher in der Schublade.

2 Bei uns in der Kleinfamilie war es, was Sprache anging, doch lockerer und weniger autoritär. Sobald jedoch andere Menschen oder die Großfamilie dazu kamen, war es wieder anders. 

Quellen und weitere Empfehlungen:

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