Anekdoten Anti-Rassismus

Über „schwierige“ Kolleg*innen, kognitive Dissonanz und Allyship

Das hier ist auch ein Reminder an mich.

Foto: Katermikesch/Pixabay


Kürzlich erzählte mir eine Freundin von Charlotte. Charlotte ist eine Arbeitskollegin, die meine Freundin „eigentlich ganz dufte“ findet. Bei manchen Themen sei Charlotte aber „schwierig“. Meine Freundin sagt, sie müsse ab und zu gewisse Aspekte und Themen ausblenden, um mit Charlotte arbeiten zu können. Auf meine Frage, was denn an Charlotte schwierig sei, antwortet sie: Charlotte ist coronakritisch, hat was gegen Geflüchtete und findet Homosexuelle „nicht normal“. Meine Freundin fügt hinzu, dass Charlotte aus einem gut situierten, konservativen Milieu komme.

Die Freundin versichert, dass sie schon in kleinen Dosen versucht, dagegen zu halten und mit Charlotte zu reden. Etwas verzweifelt und entschuldigend sagt sie schließlich: „Was soll ich sonst noch tun? Mehr kann ich nicht machen. Ich muss irgendwie trotzdem mit ihr klar kommen – wir arbeiten schließlich zusammen.“

Ich kann mir vorstellen, dass es für meine Freundin eine schwierige Situation ist. Man möchte in Ruhe seine Arbeit machen, sich gut oder zumindest solide mit den Kolleg*innen verstehen und am Abend stressfrei nach Hause gehen. Ich kann diese Wünsche nachvollziehen, vor allem, weil ich – ähnlich wie die Freundin – jemand bin, der nicht anecken will und eher konfliktscheu ist. Ich habe auch keinen guten 5-Punkte-Plan parat, wie man am besten mit Charlotte umgehen soll. Ich finde es auch begrüßenswert, dass meine Freundin versucht, mit der Kollegin zu reden und ihre Kommentare nicht einfach so stehen lässt. Aber irgendetwas in dem Erzählten hat mich dennoch irritiert. 

Diese Charlotte. Wir wissen, dass es es nicht wenige von ihnen gibt. Sie sind im Familien- oder Freundeskreis oder im Kollegium. Es heißt oft: Sie sind ganz okay, vielleicht sogar nett, witzig und hilfsbereit – bis auf den einen oder anderen „schwierigen“ Aspekt. 

Vielleicht hat genau das mich irritiert. Dieses Narrativ. 

Genau an dieser Stelle, bitte ich, dass ihr – liebe Freund*innen, Vertraute und Allies – ansetzt: Denkt kritisch über das Narrativ – „Sie ist eigentlich ganz nett, nur in einigen Dingen etwas schwierig“ – nach. Es verharmlost und ist deswegen gefährlich. Nennt es beim Namen, wenn die Person sich rassistisch, homophob, sexistisch, ableistisch oder anderweitig diskriminierend verhält. Redet es nicht klein, blendet es nicht in euren Köpfen aus – so groß die kognitive Dissonanz auch ist. Auch nicht, wenn es gerade kein Thema ist. Auch nicht, wenn es gerade nur ein gemeinsames Mittagessen, ein Grillfest oder ein lustiger Smalltalk ist. (Denn für diejenigen, die diskriminiert werden, ist es immer ein Thema.) Wir brauchen euch, gerade in Situationen oder in Kreisen, wo es nicht einfach ist. Wo es für euch sogar unangenehm sein kann, klare Haltung zu zeigen. Ihr müsst keinen Krieg der Welten anzetteln, keinen faulen Hering in ihr Fach legen, nicht ständig und gebetsmühlenartig auf sie einreden. Aber macht euch stets bewusst, dass sie schutzbedürftige, marginalisierte Menschen diskriminieren, ablehnen, vielleicht sogar fürchten und/oder eine Politik wählen, die menschenverachtend und brandgefährlich ist. 

Und dann ist es ein großer Spielraum, wie viel ihr tut, wie viel Knowhow ihr habt oder euch aneignen wollt und wie viel Kraft ihr aufbringen könnt. 

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