Anti-Rassismus

Wie erziehe ich mein Kind antirassistisch?

Was wir bisher versäumt haben, wie wir Antirassismus-Erziehung nun angehen. Was ich mir von weißen Eltern wünsche und einige Lese- und Hörempfehlungen zum Thema.

Auf der Silent Demo in Berlin, 6.6.2020. Foto: Thuy Anh Nguyen

Februar 2020. In Niedersachsen stiegen meine Freundin, unser Kind und ich in einen Bus. Der Bus war ziemlich leer, drin saß eine Gruppe von acht bis zehn Personen. Als sie uns sahen, fingen sie plötzlich an zu kichern. Dann flüsterte eine „Ching Chang Chong“, andere folgten mit „Konnichiwa“ und „Ni Hao“. Es waren allesamt Schulkinder, weiß, nicht älter als 12. Ich drehte mich um und sagte, dass das rassistisch sei und sie damit aufhören sollten. Nach einer gefühlten Ewigkeit stiegen wir aus. (Kind und Freundin bekamen es glücklicherweise nur halb mit, da sie etwas abseits standen und sich unterhielten.) 

Dieser Vorfall hat mich noch lange beschäftigt. Ich glaube nicht, dass wir da zufällig in einen Bus voller rechtsgesinnter Kinder geraten sind. Nein, es waren Kinder aus ganz normalen Familien. Ich frage mich, wie wohl ihre Lebensrealität aussieht, ob wir die ersten Asiatinnen waren, die sie gesehen haben. Kannten sie das R-Wort überhaupt? Werden sie später ihren Eltern davon erzählen? „So eine asiatische Frau hat im Bus mit uns geschimpft und irgendwas von ‚rassistisch‘ gesagt.“ Ich hoffe sehr, dass sie es tun.  

Wird in deutschen Familien über Rassismus geredet, und wenn ja, wie? Dazu suche ich noch Studien und Informationen. (Falls ihr welche kennt, gerne schreiben.) Im Beitrag „What white children need to know about race“ verweisen die Autor*innen auf Studien über „white racial socialisation“ in den USA und schreiben, dass das Thema race bei weißen Familien oft gemieden werde, etwa weil es kein angenehmes Thema sei oder weil die Eltern schlicht nicht wüssten, wie sie darüber reden sollen. Wenn sie es doch tun, definieren sie Rassismus oft als bewussten, gewalttätigen Akt. Sie sagen ihren Kindern, dass sie nicht rassistisch sein dürfen, nicht über race reden sollen und dass „all people are the same and that they should not see race“. Obwohl dieser colorblindness-Ansatz gut gemeint ist, kann er problematisch sein. „While white parents’ intention is to convey to their children the belief that race shouldn’t matter, the message their children receive is that race, in fact, doesn’t matter. The intent and aim are noble, but in order for race not to matter in the long run, we have to acknowledge that, currently, it does matter a great deal.“ 

Wie sieht es bei uns aus? Ich gestehe, dass auch wir bisher sehr unsicher damit umgingen und mehr schlecht als recht darüber redeten. Dabei sind wir selbst betroffen. Als vietnamesische Migrant*innen erlebten meine Eltern und ich Rassismus in verschiedenen Formen, von physischer Gewalt im Fahrstuhl, anti-asiatischen Sprüchen auf der Straße bis hin zu Argwohn und patzigen Reaktionen beim Einkaufen. Unser Umgang damit war, es zu ignorieren, es klein zu reden und insgesamt erleichtert darüber zu sein, dass es nicht schlimmer gewesen war. In meiner Kindheit schärften meine Eltern mir ein, dass ich die Straßenseite wechseln sollte, wenn ich einen „Glatzkopf mit Springerstiefeln“ sah. Ansonsten sprachen wir nicht darüber. Auch mit meinen Freundinnen sprach ich kaum über Rassismus und meine Erfahrungen. Es war – bewusst oder unbewusst – für alle ein Tabuthema. 

Auch unser Kind hat anti-asiatische Sprüche sowie rassistische Kommentare über sein Aussehen und seinen Namen gehört. Jedes Mal haben wir mit ihm geredet. Wir trösteten es, redeten ihm zu und sagten dann so etwas wie:  „Deine Augen sind wunderbar, sowie sie sind.“, „Was für dumme Kinder.“ oder „Das war falsch von den anderen.“ Mehr erklärten wir nicht. Wir verwendeten auch das Wort „rassistisch“ nicht. Vielleicht dachte ich selbst: „Das waren dumme und ignorante Sprüche. Aber rassistisch war das nicht.“ Vielleicht befürchtete ich, dass wir dem zu viel Gewicht legen würden, wenn wir mit unserem Kind intensiver darüber reden. 

Heute weiß ich, dass es nicht weiterhilft, sondern dem Kampf gegen Rassismus sogar schadet, wenn wir diese Vorfälle nur als individuelles Problem oder Einzelfall betrachten, wenn wir uns nicht trauen, sie als das zu nennen, was sie sind: rassistisch. Ich bin weder Pädagogin noch Antirassismus-Expertin. Umso dankbarer bin ich, dass es sie gibt und sie großartige Arbeit leisten. Meine Freundin und ich lesen uns derzeit ein und versuchen aus den vielen schmerzlichen, bewegenden, informativen Beiträgen einen Leitfaden für uns zu erstellen. 

Hier einige Punkte, die wir wichtig finden und angehen. Peu à peu, immer wieder:

  • Mit unserem Kind darüber reden, was es bereits weiß und denkt, mitbekommen oder erlebt hat
  • Uns von colorblindness verabschieden und dem Kind klar und deutlich Rassismus erklären
  • Rassismus nicht tabuisieren, sondern ihm das Gefühl geben, darüber reden zu können
  • Rassistische Taten nicht kleinreden, sondern sie als solche benennen
  • Handlungsempfehlungen geben, was unser Kind machen kann, wenn es Rassismus erlebt oder bei anderen beobachtet
  • Mit ihm über das eigene Verhalten und Denken reflektieren
  • Unserem Kind von der #BlackLivesMatter-Bewegung und anderen Antirassismus-Kämpfen erzählen, zeigen, dass sich Menschen auf der ganzen Welt dafür einsetzen
  • Umfeld diverser gestalten: Kinderzimmer, Filme und Bücher checken, reflektieren, auf welche Veranstaltungen und an welchen Orten wir gehen, mit welchen Menschen wir uns umgeben
  • Positive Geschichten über BIPOC-Menschen erzählen, einseitige, klischeehafte Mythen aufbrechen (z.B. White Savior-Mythos oder Poor African People-Mythos) 
  • Antirassismus weitertragen, mit Erzieher*innen, anderen Eltern, Freund*innen und Familie darüber reden, selbst wenn es unangenehm ist (oder gerade dann!) 

Und nun meine Bitte an weiße Eltern und alle, die Kinder in ihrem engen Umfeld haben

Heute wieder zum Xten Mal. Unser Kind wird auf dem Spielplatz gefragt: „Bist du Chinese?“ und antwortet und erklärt geduldig. Ich weiß, Kinder sind neugierig und sollen Fragen stellen dürfen. Doch solche Fragen suggerieren jedes Mal, dass man irgendwie „anders“ aussieht und daher nicht von hier kommen kann. Ich wünsche mir, dass unser Kind nicht immer in der Pflicht steht, sich erklären zu müssen. Ich wünsche mir, dass Eltern ihren Kindern beibringen, dass auch nicht-weiße Menschen Deutsche sein können und hierher gehören.

Vor allem wünsche ich mir, liebe Eltern, dass ihr mit euren Kindern über Rassismus redet. Seid nicht demotiviert, wenn das Kind beim ersten Gespräch nur eine Minute zuhört. Das ist bereits eine wertvolle Minute antirassistischer Erziehung. Wartet nicht, bis wieder etwas Schlimmes passiert, um einen Anlass zu haben, darüber zu reden. Fangt einfach an. Wenn ihr findet, dass der Mord an George Floyd zu heftig ist für ein Kind, dann nehmt andere Beispiele. Ihr wisst am besten, wie euer Kind tickt, wie ihr ihm Dinge nahe bringen könnt. Brecht ab, wenn es nicht mehr geht, aber bleibt dran.

Und dann:

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Dr. Margaret A. Hagerman // “As explicit racism frequents our news and our communities, white parents have concerns about how to raise white kids who are kind, compassionate and, importantly, not racist. The advice they most often receive is simple: talk more to your kids about race and racism. This is certainly important. But I have seen first-hand that it is not enough. White kids learn about race as a result of their own independent experiences — not just conversations. Their lived experience and their interactions with peers, teachers, neighbors, coaches, siblings and strangers matter greatly. The choices parents make about how to set up children’s lives influence their kids’ ideas about race and racism. The neighborhood they live in, the school they attend, and the activities they participate in set the parameters for how kids understand race. And this is true whether parents are consciously aware that these choices matter or not, & regardless of what parents explicitly say about race. Everyday behaviors of white parents also matter: when to lock the car doors, what conversations to have at the dinner table, what books & magazines to have around the house, how to react to news headlines, who to invite over for summer cookouts, whether and how to answer questions posed by kids about race, who parents are friends with themselves, when to roll one’s eyes, what media to consume, how to respond to overtly racist remarks made by Grandpa at a family dinner and where to spend leisure time. (Restaurants, vacation destinations & community events can be deliberately and by-default mostly white — or purposefully not.) Parents may not even be aware that they are conveying ideas about race through these behaviors, but children learn from them all the time. The conversations parents have with their white children about race and racism matter — it’s just that so does everything else parents do. Rather than focusing solely on what they say to kids about race, white parents should think more critically and carefully about how what they do on an everyday basis may actually reproduce the very racist ideas & forms of racial inequality that they say they seek to challenge."

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Meine Empfehlungen zu den Themen BIPOC-Kinder, ihre Erfahrungen und antirassistische Erziehung:

Aileen Puhlmann erzählt, wie sie in der Kita gegen Diskriminierung kämpft. (Aileen Puhlmann, ohhhmhhh.de, 2020): Bitte unbedingt lesen. Sehr aufwühlender, wichtiger Text.

Wie wir rassismuskritische Kinder „erziehen“ (Sohra von TofuFamily.de, 2020): Ein umfangreicher Blogbeitrag mit sehr vielen praktischen Tipps und Literaturempfehlungen zum Thema. Ein Aspekt, den ich für mich mitnehme: “ Ich persönlich finde, dass es kein Recht auf die Befriedigung von Neugierde gibt.“

Wie Eltern ihre Kinder auf Rassismus vorbereiten. (Viola Kiel/Heike Klovert, Spiegel.de, 2020): Hier erzählen fünf BIPOC-Eltern, wie sie mit ihren Kindern über Rassismus reden und was sie sich von weißen Eltern wünschen. 

„Rassismus ist ein bisschen wie Smog, den wir täglich einatmen“ (Sarah Widenhöft im Interview mit Antirassismus-Trainerin Tupoka Ogette, Spiegel.de, 2020): Tupoka Ogette hat auch das Buch „Exit Racism“ geschrieben, ihr könnt es auf Spotify hören. 

Why white parents need to do more than talk to their kids about racism (Margeret A. Hagerman, Time, 2018)

Black Parents explain how to deal with the police (Cut, Youtube, 2017): Schwarze Menschen machen andere, zum Teil lebensgefährliche Rassismuserfahrungen. Es ist so schmerzhaft, zu erfahren, was Schwarze Eltern ihren Kindern beibringen müssen.

Wenn die Haut dunkel ist – Kinder erzählen (Anne-Rose Heck, WDR Radio, 2020): Diese Folge aus der Sendung kiraka vom WDR könnt ihr auch zusammen mit euren Kindern (~ ab 8 Jahren) hören. 

Kinder of Color: Wie wächst man in einer weißen Gesellschaft auf? (Saskia Hödl, Malaika Rivuzumwami, Lalon Sander, taz-Podcast Weißabgleich, 2019)

Tebalou.shop: Ein Online-Spielzeugladen und meine Entdeckung der Woche! Für mehr Diversität und Vielfalt im Kinderzimmer schaut bitte unbedingt hier rein. Es gibt sehr liebevoll ausgewählte Kinder- und Jugendbücher, Kartenspiele, Puppen, Sticker etc..

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